Kosmos Verlag/Kay Elzner
Sternbild des Monats

Die Jungfrau

In den Frühlingsmonaten erreicht die Jungfrau ihre beste Sichtbarkeit. Der Name ihres hellsten Sterns – Spica, zu Deutsch: die Kornähre – gibt einen ersten Hinweis auf den Ursprung dieses Sternbilds. Darüber berichtet Susanne M. Hoffmann in ihrem Buch „Wie der Löwe an den Himmel kam“:

 

Diese junge Dame ist eine Göttin, so viel ist sicher. Doch welche, darüber sind sich die Griechen uneins. Eratosthenes zählt ganze fünf Vorschläge auf, wer hier gemeint sein könnte! Hesiod und Aratos, so schreibt er, nennen sie Dike, Göttin der Gerechtigkeit. Andere sagten wohl, es sei die griechische Ernte- und Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, die griechische Zufalls- bzw. Glücksgöttin Tyche, die mächtigste ägyptische Zauberin und Göttin Isis oder die größte syrische Göttin Atargatis.

Die nixengestaltige Atargatis wird mit Derketo gleichgesetzt und damit auch mit dem Sternbild Andromeda, der zweiten Jungfer am Himmel. In diesem Fall könnte also eine Verwechslung vorliegen. Für eine solche Verwechslung spricht, dass das Sternbild Virgo z. B. in der Leidener Aratea aus karolingischer Zeit fehlt, obwohl es im Tierkreis liegt und mithin große Bedeutung hat. Die Begründung für die Identifikation mit Tyche ist angeblich, dass das Sternbild keinen Kopfstern aufweist. Dem widerspricht Ptolemaios, denn im Almagest sind zwei Sterne auf dem Schädel und zwei im Gesicht angegeben – also vier Kopfsterne. Die Figur, die im Almagest entworfen wird, hat allerdings auch Flügel. In der Standard-Ikonografie wird keine der oben genannten Göttinnen mit Flügeln dargestellt.

Atargatis scheidet außerdem aus, da sie eine fischartige Gottheit ist. Isis und Tyche können mit Flügeln dargestellt werden, Dike eher nicht. Wie bei ihrem lateinischen Pendant Justicia ist ihr Symbol die Waage. Sie hat aber Begleitgottheiten mit Flügeln, z. B. Nemesis, die Göttin des gerechten Zorns. Während Artemis die Herrin des weiblichen Initiationsritus ist, an den im Sternbild Große Bärin erinnert wird, ist Demeter die Herrin des männlichen Initiationsritus von Eleusis nahe Athen. Die Jahreszeit im Frühling, wenn beide Sternbilder gemeinsam die ganze Nacht über am Himmel stehen, mag hier der archaische Grund für diese Figuren gewesen sein. Demeter lässt sich jedoch auch fabelhaft mit der babylonischen Göttin Schala identifizieren, deren Ikonografie eine Kornähre vorsieht.

In MUL.APIN des zweiten Jahrtausends v. Chr. gab es den Tierkreis noch nicht. In der Tierkreis-Vorstufe des Mondpfads, hieß dieses Sternbild noch „die Ackerfurche mit der Ähre“. Es wurde der Göttin Schala zugeordnet – einer Regengöttin und Gemahlin des Sturmgotts. Die Kornähre der Schala, die in der Furche liegt, ist das stabile Element in diesem Sternbild. Der hellste Stern heißt nicht nur in MUL.APIN „die Kornähre“, sondern auch auf Griechisch (stachys) und Latein (spica). Der lateinische Name gilt bis heute.

Die unsterbliche Dike, die Tochter des Zeus und der Themis, lebte früher auf der Erde. Von Männern konnte sie nicht gesehen werden, aber sie hielt sich unter den Frauen auf. Als die Menschen immer brutaler wurden, Kriege und Revolten gegeneinander führten und die Gerechtigkeit nicht mehr achteten, zog sie sich zuerst in die Berge zurück und entschwand schließlich vor Abscheu über die grenzenlose Ungerechtigkeit an den Himmel. Das berichten Hesiod, Aratos und Eratosthenes. Sie spielen auf eine populäre antike Fabel an, die den Kampf um Gerechtigkeit lehrt, da andernfalls die Menschheit untergeht. Die Geschichte der Demeter hingegen ist eng verwoben mit ihrer Tochter Persephone. Persephone wurde von Hades als Gemahlin geraubt, was Demeter dazu veranlasste, nach ihr zu suchen. Eine „Jungfrau“ ist Demeter also sicher nicht, wenn sie eine Tochter hat – ebenso wenig wie Isis und Atargatis. Will man die Geschichte vom Raub der Tochter mit dem Sternbild verknüpfen, könnte bestenfalls Persephone selbst diese Dame sein. Sie wird auch manchmal mit Flügeln dargestellt und assistiert ihrer Mutter bei dem Initiationsritual, sodass auch der archaische Kontext passen würde. Sie fehlt jedoch wiederum in der Aufzählung der Vorschläge bei Eratosthenes.

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