So entsteht ein Atlas — Plastische Darstellung mit Schummerung

Die Geschichte der Kartografie läuft parallel zur Zivilisation und der Erkundung des Planeten durch uns Menschen. Karten geben durch alle Jahrhunderte zeichnerisch das jeweils vorherrschende Weltbild wieder. Schon in der Steinzeit haben unsere Vorfahren für die Gemeinschaft bedeutende geografische Merkmale in Fels- und Höhlenzeichnungen festgehalten. "Charta", so nannten die alten Römer wertvolles handgeschöpftes Papier, woraus sich später das Wort "Karte" ableitete.

Heute haben Atlanten trotz multimedialer Konkurrenz aus online abrufbaren Satellitenaufnahmen und 3D-Karten wie Google Maps noch immer die Nase vorn und bestechen unter anderem durch ihre Haptik. Atlanten sind vor allem in Gebieten außerhalb der Reichweite von Mobilfunk-Sendestationen unentbehrlich, z.B. um über die sieben Meere zu schippern. Seemansgarn? Na, versuchen Sie mal mit einem iPad einen Kajütentisch zu stützen.

"Wissen Sie, ich habe ja die ganze Welt gemacht."

"Wissen Sie, ich habe ja die ganze Welt gemacht", lächelt Herr Witzky verschmitzt. Einer muss es ja gewesen sein, und im Grunde stellt man sich den dafür Verantwortlichen genau so vor: in einem lichtdurchfluteten Raum sitzend, mit freundlichem Blick und weißem Haar.

Seine Welt bringt Bruno Witzky mit einfachen Bunt- und Bleistiften auf Papier oder Folie. Rund um den Globus gibt es durch den Wandel des Berufsbildes nur noch eine überschaubare Anzahl an Kartografen der alten Schule. Eine Handvoll davon beherrscht die hohe Kunst des Schummerns, einer Reliefzeichentechnik, die beinahe fotorealistisch aus zwei Dimensionen optisch drei entstehen lässt. Während seiner Lehrzeit im Landesvermessungsamt begann die in der Schweiz entstandene Zeichentechnik Einzug in die deutsche Kartografie zu halten und löste damit teure und aufwendige Gipsreliefs ab. „Die Schummerung ist eine vergleichsweise junge Technik“, so der Stuttgarter. „Zunächst arbeitete man mit einer sogenannten Schraffenschummerung. So wusste der Postkutschenfahrer damals: Aha, da wo die Kügelchen auf das Blatt gemalt sind, muss ich zwischen zwei Hügeln durchfahren“, lacht Witzky über die Anfänge.

Schräglichtschummern, Schattenschraffen, maßstabsgetreues Generalisieren: Sein Fachwissen, für das gutes räumliches Vorstellungsvermögen die Grundvoraussetzung ist, verhalf ihm zu einer erfolgreichen Berufslaufbahn in Schweden.

Schummerung

Eine Schummerung ist eine plastische Geländedarstellung auf Papier oder Folie. Durch Flächentönung wird ein dreidimensionaler Eindruck erreicht.

Es gibt mehrere Arten der Schummerung, die sich nach dem Einfluss der gewählten Lichtquelle unterscheiden. Eine Kombination aus Böschungs- und Schräglichteinfall lässt die anschaulichsten Darstellungen der Landschaft mit ihren jeweiligen Höhenunterschieden entstehen.

Die Karte als Kunstwerk

Der Künstler und gelernte Kartograf Bruno Witzky, 1942 in Stuttgart-Weilimdorf geboren, beherrscht die traditionelle Kunst der Kartografie – souverän und sprichwörtlich aus dem Handgelenk. Mit Bleistift, Tusche und Wischwerkzeugen entstehen unter seiner "Federführung" Gebirgsketten, Meeresböden und Wanderwege. Das Stück Radiergummi, das neben ihm auf dem Tisch liegt, verwendet der geübte Fachmann selten: "Höchstens mal zum Weichzeichnen."

Sein Vater, der das Zeichentalent des jungen Witzkys fördern wollte, verschaffte ihm in den Fünfzigern einen Ausbildungsplatz zum Kartografen im Landesvermessungsamt. Ein Zeichenstudium bei dem namhaften Prof. HAP Grieshaber, ein langjähriger Auslandaufenthalt in Schweden sowie ein Studium an einem Berufskolleg für angewandte Grafik kennzeichnen seinen Werdegang.

Schatten im Blick

Höhenlinien allein vermitteln dem ungeschulten Betrachter meist nur wenig Plastizität. Erst durch den realistischen Schattenwurf der geschummerten Oberflächendarstellung werden die relativen Höhenunterschiede auf den ersten Blick deutlich. Der gelungene Schattenfall ist also ein Hauptmerkmal einer guten Schummerung.

Man lässt das Licht zeichnerisch von links einfallen, um die Landschaft plastisch erscheinen zu lassen. "Das ist psychologisch bedingt", erklärt Witzky, "denn man schreibt ja auch von links nach rechts." Mit dem Spiegel-Trick, einer Methode der veränderten Sichtweise auf die eigene Arbeit, werden kleine Kunstfehler sofort deutlich.

Ein guter Kartograf stellt auch Unscheinbares gut dar: Kleine Gebirgszüge oder Meteoriteneinschläge, die aber von geologischem Interesse sind. "Meinen Stil kenne ich schon raus", lacht Witzky.

Um die Welt gereist ist der Schwabe lieber mit dem Bleistift als auf Entdeckungsreise für seine nächsten Arbeiten: "Wenn man Familie hat, wäre das ein teures Hobby", zuckt er mit den Achseln. Als Grund-
lage für seine Arbeiten dienten Bruno Witzky neben den vermessenen Höhenlinien Luftaufnahmen des Geländes – heute abgelöst durch Satellitenaufnahmen. „Die Sahara zu bereisen hätte mich schon sehr gereizt“, stellt er fest, "denn die Wüste habe ich immer am liebsten gezeichnet. Sie ist so wunderbar facettenreich."

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