Wo sind die Karpfen? Matze Koch über Faustregeln beim Angeln

An Unterwasserkanten sammelt sich Futter, Barschberge sind Anziehungspunkte für alle Fische ... Dies und noch mehr sind die bekannten Faustregeln. Doch was sind sie eigentlich wert? Matze Koch bringt es auf den Punkt.

Gewässer lesen!

Aller Regeln in Anglerbüchern, -filmen,-artikeln und weiteren Machwerken bin ich längst überdrüssig. Klingt blöd, ich weiß, schließlich bin ich ja derjenige, der zu diesen Regeln, Tipps, Tricks und Fischfindetaktiken maßgeblich beigetragen hat. Also warum? Weil das erfolgreiche, publizierte Angeln viele Leserzuschriften nach sich zieht, die sich trotz aller Versuche, die Unterwasserwelt zu verstehen, schlicht und einfach nicht beantworten lassen. "Matze, welche Boilies soll ich nehmen?", ist eine der harmloseren. "Wo finde ich die Karpfen in meinem See? (8 m tief, 4 ha groß)?", ist schon nerviger. Kaum jemand will sein Gewässer mehr lesen lernen, ab das Verstehen des eigenen Gewässers ist der Schlüssel zum Fangerfolg, nicht die Antwort eines Journalisten, der das Gewässer nicht kennt. Der kann nur Faustregeln vermitteln.

Ein Gewässer lesen zu lernen, ist anstrengend und kostet viel Zeit. Da scheint es -einfacher, eine Frage an einen Spezi zu stellen. Dumm nur, wenn der es gar nicht wissen kann, denn der hat das Gewässer, um das es geht, nie beangelt und Faustregeln sind eben nur Faustregeln.

Ein hartes Stück Arbeit

Wo stehen die Karpfen? Ich habe alle Regeln, die ich gelernt hatte, im Lauf der Jahre ad absurdum führen können. Die Klassiker zum Beispiel: "Im Winter stehen die Karpfen tief!" Diese Antwort ist schlicht und ergreifend falsch. Die Karpfen stehen nämlich da, wo die Temperatur am höchsten ist. In neun von zehn Fällen mag die tiefste Stelle am wärmsten sein. Aber nicht immer.

Wird eine ruhige Bucht im Windschatten tagelang von der Wintersonne beschienen, erreicht die Temperatur schnell fünf Grad. Das wäre ein Grad mehr als an der tiefsten Stelle, und dann zieht es den Karpfen ins Flache. Man muss daher die Parameter unbedingt immer wieder selber ermitteln. Wie ist die Temperatur im Flachen, wie im Tiefen?

Heute kommen Jungangler zu mir und fragen mich nach Boiliesorte oder Standplatz der Karpfen. Und ich antworte, wie ich es in meiner Drucker-Ausbildung damals auch zu hören bekommen habe: "Wenn du nicht lernst, zu verstehen, wie man seine Vorgehensweise auf unterschiedliche Bedingungen einstellt, dann wirst du es nie schaffen, du Depp!"

So unhöflich wie die damaligen Altgesellen bin ich natürlich nicht, ich meine aber im Prinzip das Gleiche. Denn man schafft es nur, wenn man – Sie ahnen, was kommt – flexibel ist! Wohlgemerkt: Flexibel muss der Mensch sein. Nicht die Rute, der See oder die Karpfen. Er muss erkennen lernen, was in seinem Gewässer vorgeht und darauf reagieren.

Regeln beim Angeln aufzustellen, ist schwierig. Das liegt daran, dass in der Natur Faktoren Einfluss nehmen, die das Vorhaben unvorhersehbarer machen. Ein Angler ist auf die unvorhersehbaren Launen der Fische und des Wetters angewiesen. Ich muss mich langsam an all diese Faktoren herantasten. Und das empfehle ich auch Ihnen allen. Tasten Sie! Je öfter man das tut, umso mehr wächst die Chance – trotz aller Unvorhersehbarkeit – auf Erfolg. Die Schneidernacht gehört trotzdem bis zum Lebensende dazu. Bei mir genauso wie bei jedem anderen Angler. Und mal ehrlich: Macht das die Sache nicht gerade so spannend?

Die Kämpfernatur fängt den Karpfen!

Ich hatte an einem kleinen Kanalstück angefüttert und es war endlich Wochenende. Nur das Wetter war eine Katastrophe, und schon beim Packen meines Bullis war ich nicht sicher, ob ich nicht lieber zuhause bleiben sollte, um es mir auf dem Sofa gemütlich zu machen. Mutig fuhr ich trotzdem ans Wasser. Mein Platz war frei, aber in 400 m Entfernung kaum zu erkennen, so dunkel hingen die Wolken über dem Wasser. Ein krasser Regenguss kündigte sich an, und der würde nicht von kurzer Dauer sein. Dazu blitzte es in der Ferne beunruhigend, und der Wind blies in üblen Böen wütend über den Deich. Mich beschlichen Zweifel. Ich rief meinen Kumpel Bernd an. Der saß am Wasser, wusste ich, allerdings 40 km Luftlinie von mir entfernt. Auch bei ihm regnete es, und er blies mir auf meine zaghafte Frage, ob sich das wohl lohnen würde, bei dem Wetter das Zeug aufzubauen, gehörig den Marsch. Das Wort "Weichei!" wiederhallte noch in meinen Ohren, als ich meinen Trolley missmutig bepackte und begann, ihn über den Deichpfad zu schieben. Wie kann der Arsch es wagen, mich so zu nennen? Ausgerechnet mich, wo er doch weiß, dass ich gewöhnlich jedem Wetter trotze. Normalerweise. Aber das hier war wirklich grenzwertig.

Dann frischte der Wind noch kräftiger auf. Ich musste gegen eine Windwand anschieben und begann auf Bernd zu fluchen. Was bildet dieser Idiot sich eigentlich ein? Sitzt schon gemütlich am Wasser und schickt mich in den Regen. Der begann mir den salzigen Schweiß über das Gesicht zu spülen, meinen Trolley konnte ich kaum mehr halten, ich stürzte und musste ihn wieder aufrichten. Kurz bevor die Sintflut niederbrach, hatte ich mit viel Mühe meinen Schirm aufgestellt und alles Wichtige schnellstmöglich in Sicherheit gebracht. Eine geschlagene Stunde lang saß ich nur da und hielt meinen Schirm mit verkrampften Händen fest. Eine weitere halbe Stunde goss es weiter, in der ich immerhin meine Ruten, unter dem Schirm verkrochen, fertig bestücken konnte. Dann legte ich sie an ihre Plätze, um mich klamm, durchgefroren und ausgesprochen schlecht gelaunt in meine Koje zu wühlen. Wie ich das hasse, mit verschwitzter Unterwäsche und feuchten Socken einzuschlafen.

Auch in der Nacht gab es immer wieder krasse Schauer, der Wind wehte, sodass ich kaum ein Auge zutat, Wolkenfetzen flogen nur so vor dem Vollmond entlang, aber plötzlich störte mich das nicht mehr. Denn ich erlebte eine meiner besten Karpfennächte. Ein Fisch nach dem anderen landete am Ufer, teils hatte ich zwei zugleich auf der Matte. Beim Zurücksetzen eines Fisches erlebte ich sogar etwas, das sich bis heute nicht wiederholt hat. Ich stand im Wasser, um einem Fisch seine Freiheit zu geben, plötzlich ging mein Pieper los. Erst jetzt registrierte ich, dass ich im Wasser direkt neben der Montage stand, die gerade ablief. Der Fisch biss also, während ich, mit seinem Kollegen in der Hand, kaum drei Meter von seiner Fressroute entfernt im Wasser herumlatschte. Nie wieder habe ich das in der Form erlebt. Die Karpfen waren außer Rand und Band.

Nicht immer ging es mit Bernds klugen Ratschlägen so gut aus. Er hat einfach Glück gehabt, oder der alte Lump gönnte mir nur die durchnässten Klamotten. So, wie es unter alten Freunden eben ist. Zufrieden war ich dennoch. Die Nacht hatte sich gelohnt. Und an diesen Punkt, liebe Leser, möchte ich Sie auch bringen. An viel Arbeit. An viel Einsatz. An viel Aufwand und Missmut. An eisigen Regen und Hagelkörner im Hemdkragen, der mit einem einzigen Schlag vergessen ist. Wenn der Zielfisch endlich im Kescher landet.

Die ersten drei Lektionen des Karpfen-Angelns lauten also: Vergessen Sie alle Regeln. Seien Sie ausdauernde Kämpfer. Und lesen Sie das Gewässer.

basierend auf Koch, Matze: Matze Kochs Karpfen-Tipps. Stuttgart 2018.

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